Systemische Behandlung

Systemische Behandlung (auf den ganzen Körper wirkend)

Eine systemische Therapie kommt häufig zum Einsatz, wenn eine lokale Behandlung des Tumors nicht ausreicht oder möglich ist. Die systemische Therapie hat zum Ziel, die Blutversorgung der Tumore einzuschränken, ihre Zellteilung (das Wachstum) zu verhindern oder zu verlangsamen. Eine vollständige Heilung ist mit dieser Therapieform in aller Regel nicht möglich, jedoch eine deutliche Verlängerung der Lebenszeit.

In aller Regel kommt für Patienten eine systemische Therapie in Frage, wenn

  • der Leberkrebs in andere Organe, Gewebe oder Knochen gestreut hat.
  • der Tumor in die Pfortader oder die Lebervene eingewachsen ist.
  • der Tumor die Leberkapsel (Gewebe, das die Leber umhüllt) durchbrochen hat.
  • viele Tumore in der Leber zu finden sind.
  • der Leberkrebs fortgeschritten ist (BCLC Stadium B und C).

Unter folgenden Umständen kann eine systemische Therapie ebenfalls in Betracht kommen:

  • Der Leberkrebs ist nach vorangegangener erfolgreicher Behandlung zurückgekehrt (Bildung eines Rezidivs). Voraussetzung ist jedoch, dass eine gute Leberfunktion und ein guter körperlicher Allgemeinzustand (ECOG-Status 0–2) gegeben sind.

Liegt bei einem Patienten eine moderate bis starke Zirrhose (Child Pugh B) vor, muss aus medizinischer Sicht eine individuelle Abwägung von Nutzen und Risiken einer systemischen Therapie erfolgen und diese mit dem Patienten besprochen werden.

Ist die Zirrhose sehr stark ausgeprägt (Child Pugh C) oder ist der körperliche Allgemeinzustand schlecht (EGOG-Status 3–4), wird eine systemische Therapie in der Regel nicht empfohlen, da sie keinen gesundheitlichen Nutzen für den Patienten bringt.

Für jede Therapieform und verfügbare Therapiesubstanz gibt es weitere absolute und relative Ausschlusskriterien. So auch bei der systemischen Therapie. Diese sind sehr spezifisch und müssen mit dem behandelnden Ärzteteam gemeinsam besprochen werden.

Für die systemische Therapie stehen den Ärzten verschiedene Substanzen zur Verfügung.

Bevor jedoch ein systemisch wirkendes Medikament von der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) zur Therapie zugelassen wird, durchläuft es eine Vielzahl von klinischen Studien und Tests. Das ist notwendig, um die Wirksamkeit, aber auch die Verträglichkeit genau zu überprüfen. Derzeit wird in diesem Bereich viel geforscht und neue Medikamente konnten erst kürzlich zur Therapie des Leberkrebses zugelassen werden.

Derzeit kommen folgende zugelassene Substanzen in der systemischen Therapie zum Einsatz:

  • Kombinationstherapie aus Atezolizumab und Bevacizumab
  • Sorafenib
  • Lenvatinib
  • Cabozantib
  • Regorafinib
  • Ramucirumab

Nicht für Leberkrebs zugelassene Medikationen werden als „off label-use“ bezeichnet. Sie können dem Patienten angeboten werden, wenn die zugelassenen Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft sind. Ob eine „off-label-Therapie“ für den Patienten in Frage kommt, ist von vielen Faktoren abhängig. Eine genaue Abwägung von Nutzen und Risiken nimmt der Arzt in einem Gespräch mit dem Patienten vor.

Die Auswahl der Therapiesubstanz richtet sich nicht nur nach den individuellen Voraussetzungen des Patienten, sondern auch nach den Empfehlungen der medizinischen Leitlinie für Leberkrebs. In dieser Handlungsempfehlung für Ärzte ist dargelegt, welche Medikamente als erste in der Therapie zum Einsatz kommen sollten.

Bei einem unzureichenden therapeutischen Ansprechen oder schlechter Verträglichkeit gibt es in den medizinischen Leitlinien auch Empfehlungen, welche Medikamente alternativ angewandt werden können. Der Patient erhält dann eine sogenannte „Zweitlinientherapie“. Auch eine „Drittlinientherapie“ ist möglich, wenn die beiden vorangegangenen eingesetzten Substanzen nicht den gewünschten Erfolg zeigen.

Darüber hinaus dürfen die zur Verfügung stehenden Substanzen nicht in beliebiger Reihenfolge miteinander kombiniert werden. Die Entscheidung, wann und welcher Wirkstoff eingesetzt wird, trifft der Mediziner unter Abwägung aller Aspekte, um ein möglichst optimales Therapieergebnis zu erzielen.

Anwendung und Darreichungsform von systemischen Therapien

Die eingesetzten Wirkstoffe in der systemischen Therapie werden in Form von Tabletten oder Infusionen verabreicht. Die benötigte Menge ist von Wirkstoff zu Wirkstoff unterschiedlich und kann zusätzlich auch vom Körpergewicht oder weiteren Erkrankungen des Patienten abhängen. Wann und in welchen Abständen das Medikament verabreicht werden muss, ist ebenfalls sehr verschieden. Die Hersteller der Medikamente haben jeweils für ihren Wirkstoff genaue Empfehlungen zur Dosierung und Anwendung. Für jeden Patienten wird ein individueller Behandlungsplan erstellt.

Nebenwirkungen bei systemischen Therapien

Die Aufzählung beinhaltet lediglich die häufigsten Nebenwirkungen, die auch von der eingesetzten Substanz abhängen und somit unterschiedlich sind. Weitere hier nicht aufgeführte Nebenwirkungen sind demnach möglich.

  • Durchfälle
  • Hand-Fuß-Syndrom
  • Veränderung des Blutbildes sowie Bluthochdruck
  • Verschlechterung der Nierenfunktion
  • Thrombosen
  • Oberbauchschmerzen
  • Gewichtsverlust  
  • Abgeschlagenheit und Schwäche
  • Proteinurie (übermäßige Ausscheidung von Eiweiß über den Urin)
  • Juckreiz
  • Erhöhte Leberwerte

Erhalten Patienten eine sogenannte Immuntherapie (Kombinationstherapie Atezolizumab und Bevacizumab), dann muss in jedem Fall – auch über die Zeit der eigentlichen Therapie hinaus – beobachtet werden, ob sich in Organen unerwünschte autoimmune Reaktionen zeigen, die behandelt werden müssen. Diese autoimmunen Reaktionen können grundsätzlich alle Organe betreffen. Ein besonderes Augenmerk sollte aber auf den Darm, die Schilddrüse, die Lunge, die Zirbeldrüse und die Leber gelegt werden.

Unabhängig von der eingesetzten Therapiesubstanz sollten Patienten mögliche körperliche Veränderungen genau beobachten und diese sofort mit dem Arzt besprechen. Dafür kann es hilfreich sein, ein Tagebuch über Symptome und Nebenwirkungen zu führen, in dem die Beobachtungen notiert werden. Einige Nebenwirkungen lassen sich gut mit Medikamenten behandeln oder durch eine geringere Dosierung des Medikamentes abmildern. Eine frühzeitige Behandlung der Nebenwirkung kann verhindern, dass es zu einem Abbruch der Therapie kommt. Auftretende Nebenwirkungen während einer systemischen Therapie sind in aller Regel normal und bedeuten keinesfalls, dass die Therapie nicht wirkt. Im Gegenteil – Nebenwirkungen können sogar ein Ausdruck dafür sein, dass der Patient gut auf die Therapie anspricht.

Therapiebegleitende Untersuchungen

Während einer systemischen Behandlung wird alle zwei bis drei Monate eine Computertomographie der Lunge (Thorax) und des Bauchraumes (Abdomen) durchgeführt. Alternativ kann auch ein MRT genutzt werden. Zusätzlich wird die Entwicklung des Tumormarkers Alpha-Fetoprotein (AFP) durch Blutuntersuchungen überprüft. Weitere Untersuchungen können die Überprüfung der Leberfunktion und des Urins sowie die Kontrolle des Blutdrucks sein.